Schönheit mit Standpunkt - Grace Epolo darüber, wie sie in der Fashion Welt authentisch bleibt

Stark, mutig, selbstbestimmt. Die 19 Jährige Grace Epolo aus Leverkusen studiert Psychologie, engagiert sich aktiv für das Black Lives Matter Movement - und ist erfolgreiches Model. Sie steht für eine junge Model-Generation, die sich selbst nicht über das Attribut „schön“ definieren lassen will. Im Interview spricht sie mit uns über Selbstliebe und warum sie für wichtige Themen einsteht ohne Angst anzuecken. Und ist dabei – ganz ohne es zu merken - Inspiration für uns alle.

Was war Deine erste Erfahrung als Model? Und wie hast Du dich gefühlt?

Das erste Mal, dass ich vor einer Kamera stand und mich tatsächlich als Model gefühlt habe, war bei meinem ersten Besuch bei meiner Agentur Modelwerk. Sie wollten kurz natürliche Fotos von mir machen. In dem Moment habe ich versucht mir 100 Posen ins Gedächtnis zu rufen. Im Endeffekt sollte ich einfach natürlich sein und das ist etwas, woran ich immer noch denke. Natürlich sollte man sich über seinen Körper bewusst sein und entsprechend posen, aber die meisten Fotografen wollen, dass du auch etwas von dir zeigst und dich nicht allzu sehr verstellst. Man muss im Endeffekt einfach eine selbstbewusstere Version seiner Selbst sein, und das ist auch etwas, was ich in meinem Alltag versuche einzubinden.

Mit welchem Klischee über Models möchtest du ein für alle Mal aufräumen?

Models üben die Tätigkeit eines Models aus, das bedeutet aber nicht, dass dies alles ist, was sie sind. Viele Menschen sehen diese junge, “attraktive Person“, die mit ihrem Aussehen Geld verdient und denken, dass es alles ist, was diese Person ausmacht. Oft wird man unterschätzt und niemand denkt daran, dass diese Person, intelligent, emphatisch, stark, zielstrebig und sehr viel mehr ist! Ich habe in meiner relativ kurzen Karriere so viele unglaubliche Persönlichkeiten kennengelernt und fast niemand war tatsächlich oberflächlich. Ganz im Gegenteil, ich bin stark davon überzeugt, dass Menschen, bei denen das Aussehen in ihrer Karriere eine wichtige Rolle spielt, versuchen sich in ihrem Alltag auf andere Sache zu konzentrieren. Wenn man den ganzen Tag auf sein Aussehen beschränkt wird, hat man keine Lust mehr sich im Privaten nur damit zu beschäftigen. Sehr viele Models lassen ihrer Kreativität freien Lauf und malen, schreiben oder machen Musik oder sie gehen nebenbei auch einen akademischen Weg, was sich beispielsweise bei mir in meinem Psychologiestudium widerspiegelt. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich keine Lust mehr habe, mich immer für mein Beruf zu rechtfertigen. Nur weil ich studiere heißt es nicht, dass ich nun ein besseres Model bin als andere, die nicht studieren. Modeln ist ein sehr zeitintensiver und anstrengender Beruf, der auch als solcher Beruf gesehen werden muss!

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Models üben die Tätigkeit eines Models aus, das bedeutet aber nicht, dass dies alles ist, was sie sind.


Grace Epolo

© Grace Epolo



Was heißt es für dich, in der Vogue Hope zu sein? Welche gesellschaftlichen Veränderungen würdest Du gerne in der Zukunft sehen?

Es war mir eine Ehre, ein Teil der Vogue Hope Reihe zu sein. Im Vordergrund stand in dieser Reihe die Bedeutung von Zusammenhalt und wichtig dieser bei der Bewältigung von Problemen ist. Genau das ist es auch, was ich zukünftig in dieser Welt sehen möchte. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Probleme in dieser Welt verschwinden würde, wenn wir alle verstehen würde, dass das Leben kein Wettbewerb zwischen einem selbst und seinen Mitmenschen ist, sondern, dass wir als Gemeinschaft auf dieser Welt existieren und im Endeffekt nur uns haben. Wir sind eine große Gemeinschaft, die zum Großteil auf Interaktion, Kommunikation, und wenn man will, auch Liebe basiert. Genau wie in einer Tierherde könnten wir nicht ohne einander leben. Wir sind abhängig von einander, das erkennt man auch sehr gut in Zeiten von Corona. Wie sehr uns die Umarmung einer geliebten Person fehlt, wie wir Ärzte, Pfleger und Forscher unser komplettes Leben anvertrauen, wie der Kassierer im Supermarkt zu einer wichtigen Person wird, zeigt doch nur wie sehr wir uns gegenseitig brauchen, also warum lassen wir diese Gefühle von Gemeinschaft und Liebe nicht einfach vollkommen zu? Würde es Armut geben, wenn jeder diesen Gedanken in sich tragen würde? Wäre Rassismus noch ein Problem? Würde es überhaupt noch sowas wie Religionsfeindlichkeit geben? Ich glaube nicht.

Du setzt dich sehr stark für das BLM-Movement ein und warst sogar mal Rednerin auf einer BLM-Demo in Leverkusen. Was für eine Erfahrung war das für dich? Denkst du, die Resonanz zu dem Thema führt zu einer nachhaltigen Veränderung?

Als George Floyd getötet worden ist und die Black-Lives-Matter-Bewegung in den sozialen Netzwerken und auch in anderen Medien immer präsenter wurde, ging es mir wirklich schlecht. Ich hab´ zu der Zeit sehr viel geweint, weil ich mich wirklich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt habe. Rassismus ist für mich zwar nichts Neues gewesen, da ich eine junge schwarze Frau in Deutschland bin und weiß, dass sehr viele (weiße) Menschen immer noch eine unterbewusste Abneigung gegenüber Schwarzen haben, die von Vorurteilen geprägt ist, aber so viel Gewalt, Ungerechtigkeit und Hass gegenüber Menschen, die genau so aussehen wie ich, zu sehen, hat mich mental sehr erschöpft. Also habe ich das getan, was ich in dem Moment tun konnte: Ich habe versucht die kleine Reichweite, die ich hatte, zu nutzen und die Menschen aufzuklären und sie dazu zu bringen, auch etwas dagegen zu tun. Obwohl ich beim Schreiben der Rede auch ein paar Mal geweint habe, war es ein sehr befreiendes Gefühl endlich tatsächlich gehört zu werden. In den sozialen Netzwerken überspringen sehr viele Menschen deine Beiträge, aber beim Halten der Rede ging es für einen kurzen Moment nur um den unglaublichen Schmerz, den ich aber vor allem auch die ganze Black Community empfand. Einfach schon gehört zu werden, war ein sehr schönes Gefühl. Auch wenn es in den Vereinigten Staaten oder auch in Deutschland gesetzlich bisher nicht sehr viel geändert hat, bin ich fest davon überzeugt, dass vor allem junge Menschen, die sich sehr viel in social Media bewegen, zugehört haben, ihre eigenen Ansichten verändert haben und anerkannt haben, dass Rassismus tatsächlich ein riesiges Problem in unserer Gesellschaft darstellt. Das hat sich meiner Meinung nach auch in den Wahlen der Vereinigten Staaten widergespiegelt.

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Ich freue mich immer zu sehen, wenn ein Kunde wirklich an Diversity glaubt und sich das bei seinen Mitarbeitern widerspiegelt.


Grace Epolo

© Grace Epolo



Wie begleitet dich das BLM Thema in deiner Modelkarriere? Sicherlich haben deine Anfragen zugenommen - wie stellst du sicher, dass sich Kunden langfristig für die Sache einsetzen und nicht nur auf den Trend anspringen?

Da ich noch nicht so lange Model bin, kann ich nicht wirklich einschätzen, ob die Anfragen bei mir persönlich mehr zugenommen haben, aber ich weiß von vielen Mädels, dass das bei denen der Fall gewesen ist. Was ich immer vor einer Buchung mache ist, dass ich mir erst den Instagram-Account des Kunden anschaue und schaue, ob diese diverse ist. Sind asiatische, schwarze oder andere Models, die nicht blond mit blauen Augen sind, zu sehen? Wenn ja, dann freut mich das. Wenn nein, bin ich skeptisch, möchte aber andererseits auch „the benefit of doubt“ geben. Es kann immer sein, dass der Kunde extra einen neuen Casting-Direktor angestellt hat, um zu gewährleisten, dass es diverse wird. Was mich jedoch immer freut, ist es nicht nur Models zu sehen, die asiatisch, schwarz, latino, etc. sind, sondern wenn auch beispielsweise der/die Fotograf/in, der/die Make Up Artist/in oder der/die Hair Stylist/in schwarz, asiatisch, latina/latino, etc. ist. Daran erkennt man nämlich, dass es nicht nur um‘s Image geht, sondern dass der Kunde auch tatsächlich an diversity glaubt und das in seinen Angestellten widerspiegeln möchte.

Du bist sehr aktiv auf Instagram und nutzt deine Stimme für Themen, die dich umtreiben. Was würdest du jungen Menschen als Ratschlag geben, die für eine Veränderung kämpfen?

Du brauchst nicht bekannt zu sein, um eine Veränderung hervorzurufen. Das war meine größte Angst damals, dass mich ja sowieso niemand kennt und dass mir sowieso niemand zuhört. Ich habe dann aber relativ schnell realisiert, dass es gar nicht darum geht, wie viele Menschen du zu einer Veränderung antreiben kannst, sondern darum, dass du überhaupt jemand zu einer Veränderung treiben kannst. Auch wenn dein einziger Follower deine beste Freundin ist, sie wird es sehen und eventuell ihrer Mutter erzählen, die es dann wiederum ihrer Freundin erzählt, die es dann wiederum ihren Kindern erzählt und so weiter! Wenn du wirklich von diesem Thema überzeugt bist und Positives bewirken möchtest, dann hält dich nichts auf! Tu es einfach und vertraue auf deine Wirkung!

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Ich habe versucht die kleine Reichweite, die ich hatte, zu nutzen und die Menschen aufzuklären und sie dazu zu bringen, auch etwas dagegen zu tun.


Grace Epolo

© Grace Epolo



Denkst du, als Model ist es besonders schwierig, für politische Themen einzustehen, da man eventuell auch Kunden abschreckt? Oder zieht gerade diese starke Attitude vielleicht auch Kunden an?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich beim Halten meiner Rede auch nicht nur eine Sekunde daran gedacht habe, was ein zukünftiger Kunde wohl denken könnte. Über solche Dinge mache ich mir keine Gedanken, weil die Black-Lives-Matter-Bewegung für mich kein politisches Thema ist, sondern ein Menschenrechtsthema. Wenn der Kunde davon abgeschreckt ist, dann will ich auch nicht von diesem besagten Kunden gebucht werden. Mein ganzes Leben dreht sich nicht darum, was ein Kunde wohl von mir denken könnte. Ich tu das, was ich für richtig halte und bleibe authentisch.

Gibt es Momente, in denen Du dich mal gar nicht stark vor der Kamera fühlst? Was machst Du dann?

Modeln ist ein Beruf wie jeder andere. Man hat immer Tage, an denen man sich nicht gut fühlt, aber ich versuche dann einfach die Zähne zusammen zu beißen und mein Bestes zu geben. Wenn es mir natürlich körperlich sehr schlecht geht, dann sage ich das auch und eigentlich haben die Kunden bisher auch immer glücklicherweise Verständnis dafür gehabt. Oft hilft es einfach sich darüber bewusst zu sein, dass Bilder und Videos eine Momentaufnahme sind, und ich später auch nicht das Bild oder Video sehen möchte und erkenne möchte, dass es mir an diesem Tag schlecht ging. Also versuche ich das vor der Kamera zu verbergen und mir in den Pausen ein wenig Zeig für mich zu gönnen, mit einer geliebten Person zu telefonieren, Musik zu hören oder auch etwas zu essen.



Grace Epolo

© Grace Epolo



Die Modelbranche ist dafür bekannt, sehr hart zu sein, sodass sogar bei den erfolgreichsten Models Selbstzweifel aufkommen… Wie gehst Du mit dem Druck um und wie findest du immer wieder zu Dir selbst und deiner ”Self-Love”?

Ich versuche mich tagtäglich daran zu erinnern, dass Modeln nur ein Beruf ist und dass mich das in keiner Weise definiert. Ich sage oft zu mir selbst, dass ich auch so schön bin, auch wenn der Kunde mich doch nicht bucht, dass ich auch viele Eigenschaften habe, von denen der Kunde niemals erfahren wird, dass ich sie überhaupt habe und dass in mir viel mehr als nur mein Aussehen steckt. Meine Liebe zu mir selbst ist an keine Bedingungen gesetzt. Ich liebe mich nicht für meinen Job, sondern dafür, dass ich ich bin.

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Ich mache das, was ich für richtig halte und bleibe authentisch.


Grace Epolo

© Felix Birkenseer



Grace Epolo war Teil unserer Kampagne 2020 und wir waren sofort fasziniert von ihrer starken Persönlichkeit - sowohl vor der Kamera als auch hinter den Kulissen. Wir sind sehr stolz auf ihre persönliche und berufliche Entwicklung. Wir danken Bettina von Modelwerk und Grace für das spannende Interview. Wir können es kaum erwarten, was die Zukunft für Grace bereithält, und wünschen ihr alles Gute!

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